Pressebericht aus dem Lauterbacher Anzeiger

"Erfahrungen des Projekts im Leben umsetzen"

Die Volksbank Lauterbach-Schlitz hatte für die Auszubildenden im ersten Lehrjahr ein Sozialpraktikum initiiert - Tafel, AWO und Villa Kunterbunt

Auf Menschen eingehen und sich in sie hineinfühlen, das ist in fast jedem Beruf wichtig. Etwas für andere tun und sich sozial zu engagieren ebenso. Auch wenn man sich für den Beruf des Bankkaufmanns entschieden hat, soll noch die Möglichkeit bestehen, einmal woanders "hineinzuschnuppern". Darüber hatte man sich bei der Volksbank Lauterbach-Schlitz Gedanken gemacht und für die Auszubildenden des ersten Lehrjahres ein Sozialpraktikum in drei verschiedenen Einrichtungen umgesetzt. Bei einem Gespräch wurde eine positive Bilanz gezogen.

Vorstandsmitglied Alexander Schagerl erklärte, dass man sich Gedanken darüber gemacht habe, wie man die Ausbildung verändern könnte. "Das Sozialprojekt war uns sehr wichtig, und wenn es etwas gebracht hat, würden wir dies gerne beibehalten, etwas für andere zu tun."

Bernd Höhl, der bei der Volksbank für die Auszubildenden zuständig ist, war es wichtig, ihnen mit diesem Projekt bestimmte Werte mit auf den Weg zu geben. "Sie haben dabei ganz unterschiedliche Menschen kennen gelernt, aber auch mitbekommen, was die Mitarbeiter leisten müssen. In der Bank haben sie ja auch mit den verschiedensten Gruppierungen zu tun." Er hofft darauf, dass die Vier ihre Erfahrungen im Leben umsetzen können und sich vielleicht auch ehrenamtlich engagieren.

Jasmin Eurich, Katharina Hette, Can Kahraman und Anna Staubach hatten die Möglichkeit, an verschiedenen Tagen in die Arbeit bei der AWO, des Kindergartens Villa Kunterbunt und der Lauterbacher Tafel hineinzuschauen. Anna, Jasmin und Can sind 19, Katharina ist 20 Jahre alt. Vielfach hatten die Vier keine genaue Vorstellung von der Arbeit in den Einrichtungen, haben aber alle Spaß dabei gehabt.

Im Kindergarten habe es eine Zeit lang gedauert, bis die Kinder warm geworden seien, doch dann wurden die neuen Spielkameraden voll mit einbezogen, und es wurde gebastelt und geturnt. Anna erzählte: "Ich habe an diesem einen Tag bestimmt 20 Pferde gemalt." Can, der zusammen mit ihr dort war, berichtete: "Ich glaube, dass es für die Kinder und besonders für die Jungs interessant war, einmal einen Mann zum Spielen dazuhaben. Wir haben viel zusammen herumgealbert." Auch Jasmin und Katharina hatten viel Spaß mit den Kindern, bei Jasmin saßen sie nach einer Phase des Warmwerdens auch auf dem Schoß.

Astrid Schalla-Klingenhöfer, die Leiterin der Villa Kunterbunt, gab ebenfalls ihre Einschätzung zum Sozialpraktikum ab. "Ein Tagespraktikum zum Reinschnuppern ist schon ziemlich kurz und vermittelt nur wenig von unserer Arbeit. Dennoch ist es ein guter Weg, die Augen für die Probleme in der Gesellschaft offen zu haben." Auf ihre zukünftigen Kunden haben die vier Auszubildenden nun einen ganz anderen Blickwinkel gewonnen, vermutete sie lachend. "Wenn man sich für einen Beruf entscheidet, ist es selten, dass man die Möglichkeit für einen solchen Einblick bekommt. Deshalb würden wir auch auf jeden Fall wieder bei diesem Projekt mitmachen und es unterstützen", betonte sie.

Auch der Tag in der AWO wurde als sehr positiv eingeschätzt, Katharina erzählte: "Ich habe einen Spaziergang mit einer dementen Dame gemacht, das war sehr nett, außerdem haben wir gespielt und Gymnastik gemacht." Ihr sei gar nicht bewusst gewesen, dass es auch eine Tagespflege gebe, deshalb sei es eine gute Erfahrung gewesen. Bernd Höhl gab zu bedenken: "Hier habt ihr Nächstenliebe hautnah erlebt." Dem konnte Katharina nur zustimmen. Auch Jasmin fand die Arbeit dort sehr interessant. "Die Leute waren sehr dankbar, dass man Zeit für sie hatte, mit einer Frau bin ich auch nach Hause gefahren."

Anna sagte ganz offen: "Von der Arbeit in der AWO hatte ich keine wirkliche Vorstellung, ich war positiv überrascht von meinem Tag in der Einrichtung." Sie habe gemalt, gebastelt und war spazieren. Auch Can hatte sich die Arbeit bei der AWO ganz anders vorgestellt. "Ich hatte schon das Gefühl, dass es wie ein Kindergarten für ältere Leute ist. Wir haben auch viel gespielt." Er würde einen Tag bei der AWO auf jeden Fall weiterempfehlen. Sylvia Motz-Sattler, die Pflegedienstleitung der AWO, erklärte an dieser Stelle, dass Altenpfleger nicht sonderlich geachtet werden bis Pflege dann nötig wird. "Uns war es wichtig, dass ihr mal ein anderes Bild von der Pflege bekommt." Dass sei auch der Fall gewesen erklärt Jasmin. Katharina wusste schon ein bisschen, was auf sie zukam, denn ihr Opa ist auch pflegebedürftig. Nach Cans Einschätzung könne man aber nicht sagen, dass die Pfleger keine Zeit für die Patienten haben. "Sie waren eigentlich immer damit beschäftigt den Leuten zu helfen und haben immer geguckt, dass es allen gut geht. Es war ein gutes Gefühl, dass sie durch uns ein wenig entlastet wurden."

Das bestätigte auch Sylvia Motz-Sattler, die es als tolle Tat bezeichnet, einmal mit einem der Senioren spazieren zu gehen. Denn das helfe den Pflegern ungemein. Ihr war es wichtig zu vermitteln, welche Arbeit hinter dem Beruf steckt und findet es gut, dass das soziale Engagement neu entdeckt wird. "Doch es ist auch einfach toll, mit alten Leuten zu arbeiten und zu erleben, welche Geschichten sie zu erzählen haben. Wenn man ihre Hintergründe kennen lernt, kann man auch ein anderes Verständnis für sie entwickeln." Den Bereich Tagespflege habe sie für das Sozialpraktikum ausgewählt, weil es hier viel um Betreuung und Alltagsdinge wie Vorlesen, Basteln und Singen gehe. "Es waren mal Praktikanten anderer Art, aber wir fanden die Idee von Anfang an super. Und wir fanden es klasse, dass es überhaupt keine Berührungsängste gegeben hat."

Die Arbeit in der Tafel findet Can sehr bewundernswert, besonders, weil es eine ehrenamtliche Tätigkeit ist. "Es gibt Menschen, die selbst schuld sind an ihrer Situation und andere, die können nichts dafür und das wird einem dann erst einmal so bewusst." Auch Katharina, die gemeinsam mit Can in der Tafel war, war sich sicher: "Das war eine Erfahrung wert. Besonders interessant fand ich zu sehen, welche Läden Produkte an die Tafel geben." Ähnlich war auch Jasmins Einschätzung: "Die Arbeit in der Tafel ist schon sehr interessant, man denkt gar nicht, was noch alles gemacht werden muss, bevor das Essen ausgegeben werden muss und vor allem wie viel Essen dort hinkommt." Gemeinsam mit Jasmin hat Anna an zwei Vormittagen in der Tafel sortiert und hatte vorher eine ganz andere Vorstellung davon.

Der zweite Vorsitzende der Lauterbacher Tafel, Ulrich Baier, hatte sich noch einmal bei seinen Mitarbeiterinnen rückversichert und alle waren zum gleichen Ergebnis gekommen: die Eindrücke von den vier Praktikanten waren durchweg positiv. "Sie waren prima einsetzbar, haben gut mit angepackt und bekommen eine glatte Eins. Wir sind immer froh, wenn wir helfende Hände haben." Deswegen würde die Tafel auch gerne wieder am Sozialprojekt teilnehmen.

Alexander Schagerl fühlte sich durch den Gedankenaustausch darin bestätigt, dass das Projekt gut war. "Der Blick hinter die Kulissen ist sehr wichtig." Der Weg zurück in den Beruf gestaltete sich für keinen schwer, beispielsweise wenn morgens Arbeit in der Tafel anstand und es mittags zurück in die Volksbank ging. In der Mittagspause wurde sich noch darüber ausgetauscht, doch dann war wieder Arbeitsalltag angesagt. Can vermutet: "In mancher Arbeitssituation denkt man vielleicht daran zurück." Doch sich noch beruflich umzuorientieren kommt für keinen in Frage, schließlich haben sie sich für ihre Ausbildung als Bankkaufleute entschieden. "Deshalb haben wir uns auch gar keine Gedanken gemacht, ob es was für uns wäre." Und Vorstandsvorsitzender Norbert Lautenschläger bekräftigt: "Wir sind froh und stolz, dass wir sie haben und wollen sie eigentlich nicht hergeben."